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Spotanalyse

EZB: Startschuss zur Überarbeitung der geldpolitischen Strategie ist gefallen

Lesedauer: 3 Min
Es war die zweite Sitzung von Christine Lagarde. Man merkte es nicht. Die Französin schlug sich bereits wie ein alter Hase. Christine Lagarde beantwortete sämtliche Fragen während der Pressekonferenz mit Souveränität.

Die europäischen Währungshüter halten an ihrem eingeschlagenen Weg fest. Die Zinsen bleiben unverändert und die monatlichen Anleihekäufe im Umfang von EUR 20 Mrd. werden fortgesetzt. Die EZB betonte die nach wie vor schwache Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe. Gleichzeitig stützen der private Konsum und die Bauwirtschaft. Die Wachstumsrisiken bleiben abwärts gerichtet, aber weniger stark ausgeprägt. Der Inflationsausblick bleibt gedämpft. Es gäbe aber Anzeichen für einen moderaten Anstieg der Kerninflationsrate.

Interessant waren die Ausführungen Christine Lagards zu etwaigen Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und Europa während der Pressekonferenz. Während Mario Draghi diese politische Frage wohl knapp beantwortet hätte, kam bei Christine Lagarde die ehemalige Politikerin zum Vorschein. Es gab eine längere Erläuterung und sogar eine Meinung: Christine Lagarde sieht Chancen einer Lösung und damit eines positiven Ausgangs.

Jetzt zum wirklich spannenden Teil: Der geldpolitische Rat beschloss, mit der Überprüfung der geldpolitischen Strategie zu beginnen. Christine Largarde machte nochmals deutlich, dass sämtliche geldpolitische Messinstrumente und Werkzeuge überprüft würden. Ein hierzu angefertigter Presstext macht die Tragweite der Überprüfung nochmals deutlich. Die EZB möchte jeden Stein umdrehen.

Ein Schwerpunkt wird dabei auf der quantitativen Formulierung von Preisstabilität liegen. Ergebnisse soll es zum Jahresende 2020 geben. Allerdings behält sich die EZB auch vor, gegebenenfalls länger an der neuen Strategie zu arbeiten. Auch klimapolitische Ziele und Beschäftigungsziele könnten zukünftig stärkere Berücksichtigung finden.

Die interessante Frage ist, ob die EZB willens ist, mit den Negativzinsen Schluss zu machen. Die schwedische Notenbank hat vorgemacht, wie es gehen kann. Zwar bleibt der geldpolitische Rat grundsätzlich auf der expansiven Seite, doch es regt sich selbst in den südeuropäischen Ländern gewisser Widerstand gegenüber Negativzinsen. So sieht etwa auch der  italienische Notenbankpräsident Negativzinsen mittlerweile kritisch. Höhere Zinsen würden möglich, wenn die EZB ihr Inflationsziel anpassen würde. Dies könnte bespielsweise über ein breites Inflationszielband geschehen.

Auf der entgegengesetzten Seite könnten die europäischen Währungshüter das Inflationsziel sogar anheben, was noch tiefere Negativzinsen nach sich ziehen könnte. Letzteres halten wir aber für unwahrscheinlich.

Soviel steht fest: Die EZB des Jahres 2021 wird nicht mehr vollständig vergleichbar sein mit der EZB des Jahres 2020. Die EZB wird sich unter Christine Lagarde wandeln. Dies muss auch für die kritischen Deutschen nichts Schlechtes bedeuten. Es wird also zum Jahresende 2020 so richtig spannend werden.

 

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Dr. Thomas Gitzel
Chief Economist, VP Bank Group     

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