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Spotanalyse

Wenn Frau Lagarde mit dem Flammenwerfer durch einen trockenen Wald geht…

Lesedauer: 2 Min
Grosse Änderungen waren für den heutigen Zinsentscheid nicht zu erwarten, was sich so auch bestätigt hat. Im Mittelpunkt stand das gegenseitige beschnuppern. Dies galt für die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde aber auch für die in der Pressekonferenz anwesenden Journalisten.

Die EZB bestätigte eine Stabilisierung der Wachstumsverlangsamung und einen leichten Anstieg der unterliegenden Inflationsentwicklung. Die Wachstumsrisiken blieben aber gleichzeitig abwärtsgerichtet, wenngleich auch weniger akzentuiert.

Zum spannenden Teil: Die geldpolitische Strategie wird ab Januar überarbeitet. Dabei ist der Ausgang völlig offen. Die EZB-Vorsitzende rammte aber schon ein paar Pflöcke ein. Die geldpolitische Strategie wird Aspekte des Klimawandels, des technologischen Fortschritts und auch diejenigen der wachsenden Ungleichheit berücksichtigen.

Die neue EZB-Vorsitzende hielt sich zunächst in der Pressekonferenz streng an den Redetext. Sie machte aber dann deutlich, dass sie zukünftig einen eigenen Stil pflegen möchte. Christine Lagarde schlug sich in ihrer neuen Rolle bereits souverän und wirkte authentisch. Von Unsicherheit war nichts zu spüren. Wüsste man es nicht, wäre es einem nicht aufgefallen, dass es ihre erste Pressekonferenz zu einem EZB-Entscheid war.

So weit, so gut. Ihre Aufgabe ist derweil keine einfache. Die schleppende konjunkturelle Entwicklung in der Eurozone würde für sich genommen durchaus für eine weitere geldpolitische Lockerung sprechen. Doch die Geldpolitik stösst an ihre Grenzen.

Die Minuszinsen zeigen ihr hässliches Gesicht. Steigende Immobilienpreise führen mittlerweile zu sozialen Spannungen. Selbst Gutverdienern fällt der Vermögensaufbau mittels der eigenen Immobilien zunehmend schwerer. Der Grund ist: Aufgrund von Minus- oder gar Negativzinsen ist Betongeld eine willkommene Alternative für Anleger. Häuser- und Wohnungspreise stossen in Regionen vor, die selbst für Gutverdiener kaum noch eine vernünftige Abzahlung innerhalb des Erwerbslebens zulassen. Kein Wunder, dass vielerorts der politische Frust auch wächst.

Auch innerhalb der EZB führt die gegenwärtige Geldpolitik zu obskuren Auswüchsen. Der jüngste Finanzmarktstabilitätsbericht der EZB warnt vor den Risiken der eigenen Geldpolitik. Das ist in etwa so, wie wenn man seine Kinder vor dem Spiel mit dem Feuer warnt, man selbst aber mit dem Flammenwerfer durch einen trockenen Wald geht. Kein Wunder also, wenn selbst im Kreise der südländischen EZB-Mitglieder Unmut über die Negativzinsen aufkommt. 

 

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Dr. Thomas Gitzel
Chief Economist, VP Bank Group     

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