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Spotanalyse

Nachfolge von Mario Draghi an der Spitze der EZB bekannt

Lesedauer: 2 Min
Der Job-Poker in der EU hat gestern mit Überraschungen geendet. Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen soll neue EU-Kommissionspräsidentin werden. Und die Europäische Zentralbank (EZB) soll zukünftig von der derzeitigen Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, geführt werden.

Diese Personalkonstellation ist vorbehaltlich einer Bestätigung von der Leyens durch das EU-Parlament. Eine Zustimmung der Abgeordneten ist bislang nicht gesichert und das Brüsseler Schachspiel deshalb nicht zu Ende.

Was wäre nun aber von Christine Lagarde als zukünftige Vorsitzende der EZB zu halten? Die derzeitige IWF-Chefin hat einen reichen Erfahrungsschatz. Auf internationalem Parket weiss sich die Juristin bestens zu bewegen. Wirtschafts- und finanzpolitische Fragen sind ihr vertraut. Allerdings ist sie auch ehemalige Politikerin und damit stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit der EZB.

Die Französin war unter anderem vier Jahre Ministerin für Wirtschaft und Finanzen. Während ihrer Amtszeit wurde ein Defizitverfahren gegen Frankreich eingeleitet. Wie unabhängig sie zukünftig gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten handeln wird, bleibt abzuwarten. Die EZB hat bereits unter dem derzeitigen Präsidenten Mario Draghi ihr geldpolitisches Mandat de facto weit überschritten. Über den gut gefüllten Speicher an Staatsanleihen der EZB  würde eine vormalige Politikerin bestimmen. Ohne Böses unterstellen zu wollen, aber alleine der Lebenslauf von Christine Lagarde spräche gegen eine Nominierung als Vorsitzende einer Notenbank.

Die Frage nach der politischen Unabhängigkeit der grossen Notenbanken stellt sich gerade in diesen Tagen mehrfach. In den USA wettert Donald Trump in Regelmässigkeit gegen den Notenbankpräsidenten Jerome Powell. Das Weisse Haus hat laut Medienberichten gar die rechtliche Möglichkeit für eine Absetzung von Powell geprüft. In Europa kommt derweil eine ehemalige Politikerin zum Handkuss für den EZB-Chefposten. Diese Personalpolitik löst bei Volkswirten ein dumpfes Gefühl in der Magengegend aus. Schön wäre, wenn ausgewiesene Geldpolitiker auf den Chefsesseln der Notenbanken sitzen würden. Aber vermutlich ist das mittlerweile eine romantische Vorstellung.

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Dr. Thomas Gitzel
Chief Economist, VP Bank Group                                  

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