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Spotanalyse

Herr Johnson, so einfach ist das nicht

Lesedauer: 2 Min
Boris Johnson gewinnt das Rennen um den Parteivorsitz der Tories. Als nächster Schritt steht nun seine Ernennung zum neuen britischen Premierminister auf dem Programm. Dies wird dann am morgigen Mittwoch der Fall sein.

Boris Johnsons Namen wird gerne in Zusammenhang mit einem etwaigen harten Brexit gebracht. Der designierte Regierungschef plädiert für einen Austritt aus der EU am Ende der Brexit-Frist am 31. Oktober – egal ob mit oder ohne Abkommen. Doch so hart sich Johnson auch gibt, die politische Realität ist nicht ganz so einfach.

Da ist zunächst das britische Parlament, das sich mehrheitlich mit einem Vertrag vom europäischen Festland trennen möchte. Aber auch die Bevölkerung des Königreiches möchte keine Schlagbäume an der Grenze zur EU. Es sei nicht zu vergessen, dass bei den EU-Wahlen das europafreundliche Lager eine Mehrheit hatte. Aktuelle Meinungsumfragen zeigen, dass die Arbeiterpartei, die Liberaldemokraten, die Grünen und die schottische Nationalpartei (SNP) – allesamt der EU wohlgesonnene Parteien – auf einen Stimmanteil von über 50% kommen. Zwar würde sich dies aufgrund des Mehrheitswahlrechts so nicht im britischen Unterhaus widerspiegeln, nichtsdestotrotz geben die Ergebnisse der Demoskopen einen guten Einblick in die Gefühlslage der Bevölkerung. Würde Boris Johnson also tatsächlich einen harten Bruch mit der EU durchpeitschen, hätte er weder die volle Unterstützung des Volkes noch des Parlaments. Dem zukünftigen Regierungschef fehlt demnach die  Legitimation für solch ein harsches Vorgehen.

Vermutlich wird Boris Johnson seinen harten Kurs aufweichen müssen. Da sich die Gespräche mit Brüssel nicht einfach gestalten werden und die Zeit davon läuft, dürfte eine weitere Verschiebung der Austrittsfrist eine naheliegende Option sein. Ein weiterer Aufschub ist aber keinesfalls gleichzusetzen mit einer dann zu erwartenden Lösung. Die Situation bleibt vertrackt. Neuwahlen oder ein zweites Referendum sind wohl unausweichlich. Für das zuletzt stark gebeutelte britische Pfund ist deshalb noch nicht aller Tage Abend. Sollte sich in den kommenden Wochen herauskristallisieren, dass trotz eines Boris Johnson ein weicher Brexit wahrscheinlich bleibt, wird die britische Valuta zulegen können.

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Dr. Thomas Gitzel
Chief Economist, VP Bank Group                                  

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