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Spotanalyse

Fed vollzieht eine hawkishe Zinssenkung

Lesedauer: 3 Min
Die Fed vollzieht eine hawkishe Zinssenkung um 25 Basispunkte – kein Zinssenkungszyklus zu erwarten – die Rede ist lediglich von «Anpassungen» des Leitzinses

Die Fed hat ihre Geldpolitik erstmalig seit dem Dezember 2008 wieder gelockert und das Zielband für die Fed Funds Rate um 25 Basispunkte auf 2 % bis 2.25 % gesenkt. Darüber hinaus wird der Abbau der Wertpapierbestände bereits ab dem 1. August gestoppt. Das sind zwei Monate früher als ursprünglich geplant. Darüber hinaus überraschte Fed-Chef Jerome Powell mit der Aussage, dass es sich lediglich um Anpassungen zur Mitte eines Aufschwungs handelt. Ein voller Zinssenkungszyklus ist nicht zu erwarten.

Die vollzogene Zinssenkung ist keine Überraschung, Fed-Chef Jerome Powell hat die Finanzmärkte kommunikativ gut darauf vorbereitet. Das ändert aber nichts daran, dass die geldpolitische Lockerung noch immer merkwürdig anmutet. Die Wasserstandsmeldungen aus der US-Wirtschaft waren zuletzt robust und überraschten stellenweise auf der Oberseite. Fed-Chef Powell sprach deshalb auch von einer «Versicherung» gegen eine mögliche Wachstumsabkühlung. Auch das Wort «Risikomanagement» wurde in der Pressekonferenz erwähnt. Die globale Wachstumsverlangsamung und die Handelskonflikte könnten die US-Wirtschaft ebenfalls in Mitleidenschaft ziehen, so die Befürchtung der Fed. Böse Zungen mögen aber behaupten, dass die Fed nun Marionette des Weissen Hauses sei. Zuletzt kritisierte Donald Trump die Washingtoner Währungshüter ungewöhnlich scharf und deutlich für die in seinen Augen zu hohen Leitzinsen.

Vermutlich spielt aber der folgende Aspekt die gewichtigste Rolle für die geldpolitische Kehrtwende: Die Notenbanker dürften sich mehr denn je vor einer Rezession fürchten. Zwar hat sich die Fed mit ihren in den vergangenen Jahren vollzogenen Zinserhöhungen einen gewissen Spielraum verschafft, doch im historischen Vergleich ist dieser verhältnismässig klein. Im Falle einer schwerwiegenden wirtschaftlichen Krise müsste auch die Fed rasch über unkonventionelle Mittel nachdenken. Die Notenbanker versuchen also durch frühzeitiges Umsteuern, Schlimmeres zu verhindern, um nicht am Ende mit leeren Händen dazustehen. John Williams, Präsident der einflussreichen New Yorker Fed, argumentierte hierzu kürzlich in einer Rede, dass eine präventive Geldpolitik besser als eine reaktive sei.

Jerome Powell sieht die Leitzinssenkung als Anpassung in der Mitte eines längeren Aufschwungs. Die US-Notenbank geht nicht von einem vollen Zinssenkungszyklus aus. Somit handelt es sich um eine hawkishe Zinssenkung. In Anbetracht nach wie vor robuster Wirtschaftsdaten wäre eine längere Reihe von geldpolitischen Lockerungen auch nicht zu verantworten. Weitere Zinssenkungen will die US-Notenbank datenabhängig machen. Wer also auf drei Zinssenkungen im laufenden Jahr setzt, wird vermutlich auf dem falschen Fuss erwischt.

An den Finanzmärkten platzten Zinssenkungsfantasien. Jerome Powells Aussage, wonach kein Zinssenkungszyklus anstehe, machte Hoffnungen auf einen stärkeren geldpolitischen Impuls zunichte. In Anbetracht nach wie vor guter US-Wirtschaftsdaten wäre es allerdings töricht, allzu viel von der Fed zu erwarten. Der US-Dollar konnte gegenüber dem Euro zulegen, denn die Europäische Zentralbank plant im Gegensatz zur Fed mit einem ganzen Massnahmenpaket.

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Dr. Thomas Gitzel
Chief Economist, VP Bank Group

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