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Spotanalyse

EZB: Geht es jetzt den Negativzinsen an den Kragen?

Lesedauer: 2 Min
In Frankfurt findet zur Stunde die «ECB and its Watchers» Konferenz statt. Heute Morgen durfte Mario Draghi ans Mikrofon. Normalerweise wird bei solchen Anlässen die aktuelle geldpolitische Ausrichtung bestätigt bzw. etwas tiefgehender erläutert. Der Neuigkeitsgehalt ist meist gering.

Doch heute hatte der oberste Währungshüter der Eurozone tatsächlich eine Überraschung mitgebracht. Laut Draghi würden derzeit die Auswirkungen der Negativzinsen analysiert. Das will so viel heissen wie: Die EZB möchte die Nebenwirkungen der Zinspolitik lindern. Eigentlich wollten die Notenbanker mithilfe der Negativzinsen das Kreditwachstum kräftig anschieben, was aber nur teilweise gelang. Zwar wachsen die Geldausleihungen, doch gemessen an den Vorkrisenjahren sind die Zuwachsraten noch immer verhältnismässig gering. Stattdessen entpuppten sich die Minuszinsen für den ohnehin angeschlagenen europäischen Bankensektor zu einem Kostenblock, der die Profitabilität zusätzlich in Mitleidenschaft zieht.

Auch auf der gegenüberstehenden Seite der Unternehmen und Konsumenten hat die Zinspolitik negative Effekte. Eigentlich sollten Null- oder Negativzinsen dazu führen, dass weniger gespart wird und stattdessen zukünftiger Konsum in die Gegenwart vorgezogen wird. Doch wenn auf der anderen Seite Zinseinnahmen fehlen und die Altersvorsorge darunter leidet, fangen Privathaushalte an, mehr zu sparen, um die Delle der Null- oder Negativzinsen auszugleichen. Fehlende Zinserträge schmerzen auch Pensionskassen. Unter Umständen müssen Arbeitgeber sogar Geld nachschiessen, um bestehende Zusagen zu erfüllen. Die deutsche Bundesregierung will mit dem noch relativ neuen Betriebsrentenstärkungsgesetz die betriebliche Altersvorsorge stärken, doch die aktuelle Zinspolitik macht dem in der Praxis einen Strich durch die Rechnung.

Die EZB tut gut daran, zu handeln. Es ist richtig und wichtig, dass die negativen Auswirkungen analysiert werden. Welche Lösungen bieten sich nun an? Die Zentralbanker könnten einerseits die Negativzinsen senken. Denkbar wäre bspw. um 15 Basispunkte, dann stünde zukünftig minus 0.25 % zu Buche. Damit wäre die sonst übliche Differenz von 25 Basispunkten zwischen Hauptrefinanzierungssatz und Einlagesatz wieder hergestellt. Darüber hinaus ist auch denkbar, dass Mario Draghi den Geschäftsbanken grosszügige Freibeträge einräumt. Auch eine Kombination aus etwas weniger schmerzhaften Negativzinsen und einem Freibetrag wäre eine mögliche Option. An Kreativität fehlte es Mario Draghi jedenfalls bislang noch nicht. Die nächste Zinssitzung im April könnte also für den europäischen Bankensektor spannend werden.

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Dr. Thomas Gitzel
Chief Economist, VP Bank Group       

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