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Spotanalyse

Eurozone: Mageres Wachstum im zweiten Quartal - Rezessionsgefahr wächst

Lesedauer: 2 Min
Einer ersten Schätzung zufolge verzeichnet das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Eurozone im zweiten Quartal nur ein geringfügiges Plus von 0.2 %. Im Vorquartal waren es noch 0.4 %.

Die ausgewiesene Wachstumsrate täuscht über die tatsächliche Misere hinweg. Es ist vor allem Spanien zu verdanken, dass die Wirtschaft des gemeinsamen Währungsraumes überhaupt auf ein Plus von 0.2 % kommt. Die spanische Volkswirtschaft legt im zweiten Quartal um 0.5 % gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres 2019 zu. Das italienische und das deutsche BIP dürften hingegen leicht geschrumpft sein. Für Italien ist dies das dritte Minus innerhalb der letzten vier Quartale. Selbst Frankreich enttäuscht mit einem nur geringen Wachstum von 0.2 %.

Der gemeinsame Währungsraum ist inmitten einer an Geschwindigkeit aufnehmenden wirtschaftlichen Talfahrt. Die Gefahr einer Rezession wächst. Die von uns berechnete Wahrscheinlichkeit einer Rezession in der Eurozone lag zuletzt bei 31 % - Tendenz steigend. Deutschland dürfte bereits in einer Phase wirtschaftlicher Kontraktion angekommen sein. Zwar steht das deutsche Zahlenwerk für das zweite Quartal erst noch zur Veröffentlichung an, doch vermutlich schrumpfte das BIP um 0.1 % bis 0.2 %. Dass nun im dritten Quartal wieder ein Plus verzeichnet wird, ist gegenwärtig eher unwahrscheinlich. Schrumpft die deutsche Volkswirtschaft also auch im Zeitraum Juli bis September, läge nach gängiger Definition eine Rezession vor. Vor allem die Automobilindustrie entwickelt sich zum Krisenherd. Da es sich um eine Schlüsselbranche handelt, färbt dies auf zahlreiche andere Wirtschaftszweige ab. Die Chemieindustrie kann ein Lied davon singen.

Kurzfristig zeichnet sich für die Eurozone keine Besserung ab. Waren die Brexit-Unsicherheiten auch bislang schon gross genug, dürften die unversöhnlichen Worte des neuen britischen Premierministers Boris Johnson so manchem europäischen Firmenlenker den Puls weiter in die Höhe treiben. Aber auch in China lassen die positiven Konjunkturimpulse weiter auf sich warten. Was könnte nun aber überhaupt zu einer Trendwende führen? Käme es zu einer Lösung der Handelsstreitigkeiten und würde Grossbritannien doch noch den Weg eines weichen Brexits finden, könnte die Zuversicht im verarbeitenden Gewerbe wieder zunehmen. Eine steigende Zuversicht könnte dann der Investitionstätigkeit neue Kräfte verleihen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird derweil ihren Teil versuchen, das Wachstum wieder in Fahrt zu bringen. Mario Draghi hat vor dem Hintergrund einer niedrigen Inflationsrate zumindest grünes Licht für ein grosses Massnahmenpaket gegeben. Die zum BIP gleichzeitig veröffentlichte Inflationsrate für den Juli fällt von 1.3 % auf 1.1 %. Wesentlich schwerwiegender ist für die europäischen Währungshüter aber der Fall der Kerninflationsrate von 1.1 % auf 0.9 %. Die nächste EZB-Zinssitzung im September könnte also so manche Überraschung bringen.

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Dr. Thomas Gitzel
Chief Economist, VP Bank Group

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