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Spotanalyse

EZB: Neue Pandemie-Refinanzierung für Banken

Dr. Thomas Gitzel, Chief Economist VP Bank Group
Lesedauer: 3 Min
An der Medienkonferenz zur Zinssitzung machte die EZB-Chefin Christine Lagarde das Ausmass der gegenwärtigen Krise nochmals deutlich. Ein zu Friedenszeiten noch nie gemessener Einbruch der Wirtschaft sei zu verzeichnen. Die Ausführungen zur wirtschaftlichen Lage klangen denn auch wie eine Kriegsberichterstattung.

Das Bruttoinlandprodukt (BIP) könnte nach Berechnungen der EZB-Volkswirte im laufenden Jahr zwischen 5 % und 12 % fallen. Wie hoch der Rückgang ausfällt und wie die Erholung aussieht würde entscheidend von der Dauer und dem Erfolg der Eindämmungsmassnahmen abhängen.

Aufgrund des Einbruchs der Ölpreise dürfte die Inflation in den kommenden Monaten weiter deutlich sinken. Der starke Rückgang der Wirtschaftstätigkeit werde in den kommenden Monaten zu negativen Auswirkungen auf die Inflationsentwicklung führen. Die mittelfristigen Folgen der Coronavirus-Pandemie auf die Preise sind laut der EZB jedoch mit einer hohen Unsicherheit verbunden, da der mit einer schwächeren Nachfrage verbundene Abwärtsdruck teilweise durch Aufwärtsdruck aufgrund von Angebotsengpässen kompensiert wird.

An der Sitzung beschloss die EZB, die Konditionen für die gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte (TLTRO III) zu verbessern. Der Zinssatz für die TLTRO III-Operationen, die im Zeitraum von Juni 2020 bis Juni 2021 durchgeführt werden, liegt nun 50 Basispunkte unter dem Hauptrefinanzierungssatz von 0%. Erhöht die jeweilige Bank ihre Nettokreditvergabe, liegt der Zinssatz im Zeitraum Juni 2020 bis Juni 2021 ganze 50 Basispunkte unter dem Zinssatz für die Einlagenfazilität von -0.5%.

Neu wird zusätzlich eine Serie von sieben nicht-zielgerichteten Refinanzierungsgeschäften (non-targeted pandemic emergency longer-term refinancing operations: PELTROs) aufgelegt. Der Zinssatz liegt 25 Basispunkte unter dem Hauptrefinanzierungssatz. Diese Operationen starten im Mai.

Christine Lagarde nahm sich ausführlich Zeit, um die bestehenden und neuen Instrumente im Einzelnen zu präsentieren. Die Nachbesserungen der gezielten langfristigen und die neuen nicht-zielgerichteten Refinanzierungsgeschäfte haben es durchaus in sich. Zapfen Banken über diese Refinanzierungsgeschäfte die EZB an, erhalten sie dafür 0.25 % bis 1.00 % von den Währungshütern bezahlt. Wir dürfen gespannt sein, welch hohes Volumen abgerufen wird. Es wird nicht wenig sein. Die EZB-Bilanzsumme dürfte mittels der langfristigen Refinanzierungsgeschäfte nochmals deutlich aufgebläht werden.

Sowohl die Zinssitzung der US-Notenbank Fed diese Woche als auch die geldpolitische Entscheidung der EZB zeigen: Die grossen Notenbanken stehen weiterhin bereit, um ihre Programme auszudehnen oder neue Massnahmen zu ergreifen. Die europäischen Währungshüter haben schon in den vergangenen Monaten grosse geldpolitische Pflöcke gesetzt. Jetzt geht es zunächst darum, zu überprüfen, ob sie auch halten. Sollte etwas wackeln, wird zusätzlich gestützt. Die EZB wird all ihre verfügbaren Instrumente nutzen, um für ausreichend Liquidität zu sorgen.

Die Inflationsraten werden aufgrund des wirtschaftlichen Abschwungs vorerst nicht zulegen. Null- und Negativzinsen werden uns noch über einen sehr langen Zeitraum begleiten. Häuslebauer müssen sich jedenfalls nicht vor einem plötzlichen Zinsanstieg fürchten.

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