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Spotanalyse

Grossbritannien: May geht

Lesedauer: 2 Min
Theresa May wirft die Flinte ins Korn. Die britische Premierministerin gibt am 7. Juni ihr Amt als Vorsitzende der konservativen Partei (Tories) auf. Als Premierministerin bleibt sie vorerst noch geschäftsführend im Amt bis ein Nachfolger gefunden ist.

Die Karten werden also neu gemischt. Die besten Chancen als Nachfolger werden Boris Johnson eingeräumt, einem Brexit-Hardliner. Ob er allerdings das Vereinigte Königreich aus der EU führen wird, bleibt fraglich. Die konservative Partei, wie das ganze Land, ist über den Austritt aus der EU tief gespalten. Die oppositionelle Labour-Partei fordert deshalb Neuwahlen.

Tatsächlich wäre ein neuerlicher Urnengang konsequent. Die Tories führen die Geschicke des Landes ohnehin lediglich in Form einer Minderheitsregierung, die von der nordirisch-protestantischen DUP unterstützt wird. Die Zerrissenheit der Konservativen und die fehlende politische Mehrheit entziehen die Berechtigung für ein Weiterregieren – zumal es um eine der tiefgreifendsten Entscheidungen in der britischen Nachkriegsgeschichte geht. Neuwahlen können also schon bald auf dem Programm stehen.

Aktuellen Umfragen zufolge wäre derzeit die Labour-Partei stärkste Kraft in Grossbritannien – ohne dabei mehrheitsfähig zu sein. Die neugegründete Brexit-Partei unter dem Vorsitzenden Nigel Farage, der seit je der EU kritisch gegenüber steht, haben das konservative Lager zweigeteilt. Diejenigen Briten, die für einen klaren Bruch mit der EU sind, haben nun mit der Brexit-Partei einen Vertreter ihrer Interessen.

Für Grossbritannien heisst es nun: Zurück auf Start. All die schwierigen Verhandlungen mit der EU waren grösstenteils vergebene Liebesmüh. Um einer Befriedung des Landes näher zu kommen, bedarf es zunächst Neuwahlen. Eine neue Regierung muss sich anschliessend einen weichen Brexit auf die Fahnen schreiben, denn nur so lässt sich die Bevölkerung einen. Theresa May war dem sehr nahe, sie hatte aber kein ausreichend starkes Mandat dafür.

Wir rechnen deshalb weiterhin mit einem weichen Brexit, bei dem Grossbritannien zumindest teilweise im EU-Binnenmarkt verbleibt. Dies wird aber wohl noch lange auf sich warten lassen. Für das britische Pfund besteht in diesem Szenario mittel- bis langfristig erhebliches Aufwertungspotenzial.  

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Dr. Thomas Gitzel
Chief Economist, VP Bank Group       

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