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Spotanalyse

EZB: Mario Draghi lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Lesedauer: 3 Min
Die EZB möchte nun die Leitzinsen bis mindestens zur Jahresmitte 2020 unverändert lassen.

Wer die Pressekonferenzen der Europäischen Zentralbank (EZB) regelmässig verfolgt, weiss, dass Mario Draghi sein Innenleben nur schlecht verbergen kann. Das macht den EZB-Chef aber sympathisch und authentisch. Die gute Nachricht hierbei ist: Der oberste Währungshüter präsentierte sich heute nach der Zinssitzung in Vilnius gut gelaunt. Geht es nach diesem Kriterium, kann die Situation nicht ganz so ernst sein. Und tatsächlich zeigt sich Mario Draghi in Anbetracht all der bestehenden Unsicherheiten nahezu tiefenentspannt. Zunächst aber zu den Fakten: Die EZB-Volkswirte nahmen den Wachstumsausblick für das laufende Jahr sogar marginal nach oben. Statt dem bisher erwarteten BIP-Zuwachs von 1.1 % erwarten die EZB-Volkswirte jetzt 1.2 %. Auch der Inflationsausblick wurde für das Jahr 2019 etwas nach oben korrigiert. Der Wachstumsausblick für die kommenden Jahre wurde indes leicht nach unten revidiert.

 

Die EZB möchte nun die Leitzinsen bis mindestens zur Jahresmitte 2020 unverändert lassen. Bislang stellten die obersten Währungshüter fixe Leitzinsen bis Ende des Jahres 2019 in Aussicht. Die Anpassung des Zeitraums muss nicht weiter verwundern. In Anbetracht gestiegener konjunktureller Risiken und fallender Inflationserwartungen war an eine Erhöhung des Leitzinses im ersten Halbjahr 2020 ohnehin nicht zu denken.

 

Bezüglich der Bedingungen der neuen Runde an langfristigen Refinanzierungsgeschäfte gilt: Die EZB trägt den Banken das Geld nicht hinterher. Die zweijährigen Geldausleihungen gibt es jedenfalls nicht per se zum Nulltarif. Die EZB bittet die Finanzinstitute mit mindestens 0.1 % zur Kasse. Diejenigen Banken, die ihre Kreditvergabe auf Touren bringen, werden allerdings belohnt. Im besten Falle bezahlt die EZB bis zu 0.3 % für die geborgte Summe. Das wiederum lässt sich sehen. Die Zinskonditionen sind also als Belohnungssystem konzipiert. Vorerst wird es auch keine Entlastungen beim Negativzins für die Banken geben.

 

Mario Draghi teilt Ängste vor einem grösseren wirtschaftlichen Einbruch nicht. Dies spiegelt sich auch in den nur leicht angepassten Prognosen des volkswirtschaftlichen Stabes der EZB wider. Mario Draghi selbst führte an, dass er keine Rezession erwarte. Auch die merklich gefallenen Inflationserwartungen nimmt der oberste Währungshüter auf die leichte Schulter. Zumindest schob Draghi noch nach, dass im schlimmsten Falle weitere Massnahmen zur Verfügung stünden. Dazu würde eine weitere Senkung des Leitzinses oder eine Wiederauflage der Anleihekäufe gehören. Damit öffnet sich die Tür für weitere Aktionen, falls sich der wirtschaftliche Ausblick doch noch eintrübt.

 

Die Finanzmärkte wurden heute vom tiefenentspannten Mario Draghi auf dem falschen Fuss erwischt. Der Euro konnte noch während der Pressekonferenz zulegen und deutsche Bundesanleihen gaben etwas nach. Die Rezessionswahrscheinlichkeiten sind zwar über die vergangenen Wochen hinweg gestiegen, noch sind sie aber überschaubar. Es war deshalb heute wohltuend, dass ein ausgewogenes Konjunkturbild präsentiert wurde. Die EZB läuft also nicht der Marktstimmung hinterher und hebt sich damit wohltuend von der US-Notenbank ab.

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