Enkeltaugliche Entscheidungen
Würde ich diese Entscheidung auch dann treffen, wenn meine Enkel in 30 Jahren mit den Folgen leben müssen?
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie relevant diese langfristige Perspektive ist. Während der Corona-Pandemie wurden globale Lieferketten plötzlich unterbrochen. Der Krieg in der Ukraine liess Energiepreise stark ansteigen. Gleichzeitig nehmen Hitzetage und Wetterextreme zu. Entwicklungen wie diese wirken sich direkt auf Unternehmen, Haushalte und Kapitalanlagen aus und zeigen, wie wichtig langfristiges Denken geworden ist.
Nachhaltigkeit unter Druck
Der langfristige Zeithorizont ist ein Aspekt, warum «Nachhaltigkeit» einen schweren Stand hat. Kaum ein Begriff scheidet die Geister so sehr. Für die einen ist Nachhaltigkeit unverzichtbar, um langfristige Herausforderungen zu bewältigen. Für die anderen steht sie für zusätzliche Bürokratie, höhere Kosten oder ideologisch geführte Debatten. Die Folge: eine sachliche Diskussion ist zunehmend schwierig geworden
Tatsächlich ist in den vergangenen Jahren eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Die Erwartungen an Nachhaltigkeitsinitiativen waren teilweise sehr hoch, gleichzeitig wurden Unternehmen mit umfangreichen Berichtspflichten konfrontiert. Die Folge ist eine Gegenbewegung. Dabei besteht die Gefahr, die Diskussion auf Regulierung und Bürokratie zu verengen. Die zugrunde liegenden Herausforderungen bleiben jedoch bestehen. Lieferkettenrisiken, Klimafolgen, Ressourcenverfügbarkeit oder geopolitische Spannungen verschwinden nicht, nur weil weniger darüber berichtet wird.
Kein reiner Selbstzweck
Gerade deshalb gewinnt Nachhaltigkeit an Bedeutung. Nicht als Selbstzweck und nicht als moralisches Ideal, sondern als Orientierungsrahmen für langfristige Entscheidungen in einer komplexen Welt.
Nachhaltigkeit umfasst dabei zwei eng miteinander verbundene Dimensionen. Zum einen geht es darum, negative Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft zu reduzieren – Ursachen begrenzen. Dazu gehören beispielsweise die Verringerung von Treibhausgasemissionen, die Steigerung der Energieeffizienz oder der schonende Umgang mit Ressourcen. Andererseits geht es darum, sich an die bereits heute spürbaren Veränderungen anzupassen. Dazu gehören etwa die Anpassung von Gebäuden an häufigere Hitzetage, der Umgang mit Extremwetterereignissen, widerstandsfähigere Lieferketten oder eine verlässliche Energieversorgung.
Die Fähigkeit mit Veränderungen umzugehen
Vorallem der zweite Aspekt hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Die Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen, sich anzupassen und auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, wird häufig als Resilienz bezeichnet. Resilienz ist ein wesentlicher Bestandteil von Nachhaltigkeit.
Für Liechtenstein ist diese Perspektive besonders relevant. Als kleiner, international vernetzter Wirtschaftsstandort musste sich das Land in seiner Geschichte immer wieder auf neue Rahmenbedingungen einstellen. Veränderungen bei Energiepreisen, Handelsbeziehungen oder internationalen Lieferketten wirken sich oft direkt auf die exportorientierte Wirtschaft aus. Gleichzeitig verfügt Liechtenstein über eine lange Tradition von Innovation, Unternehmertum und langfristigem Denken. Diese Eigenschaften werden auch künftig entscheidend sein, um neue Herausforderungen erfolgreich zu meistern.
Resilienz ist ein wesentlicher Bestandteil von Nachhaltigkeit.
Lars Kaiser Leiter Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit in der Praxis
Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren ihre Lieferketten kritisch überprüft. Wer zentrale Komponenten nur von einem einzigen Zulieferer bezieht, trägt erhebliche Risiken. Alternative Lieferanten oder grössere Lagerbestände erhöhen zwar kurzfristig die Kosten, können aber die Handlungsfähigkeit in Krisenzeiten deutlich verbessern. Ein Umdenken von «just in time» zu «just in case» spiegelt diese Entwicklung wider.
Dabei verlaufen Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit nicht immer im Einklang. Zusätzliche Lagerkapazitäten, alternative Lieferanten oder Investitionen in neue Technologien verursachen Kosten und können kurzfristig die Profitabilität beeinträchtigen. Nachhaltige Unternehmensführung heisst nicht, dass es keine Zielkonflikte gibt. Entscheidend ist, diese bewusst abzuwägen und den langfristigen Nutzen nicht aus den Augen zu verlieren. Wer ausschliesslich kurzfristig optimiert, läuft Gefahr, langfristige Risiken und Chancen zu übersehen.
Ein ähnlicher Wandel zeigt sich bei der Vermögensanlage. Anlegerinnen und Anleger interessieren sich zunehmend dafür, wie Unternehmen mit Themen wie Energieversorgung, Rohstoffabhängigkeiten oder geopolitischen Risiken umgehen. Solche Faktoren können die zukünftige Ertragskraft eines Unternehmens ebenso beeinflussen wie klassische Finanzkennzahlen. Geopolitische Spannungen, Fragen der nationalen Sicherheit, strategische Rohstoffabhängigkeiten oder die Stabilität globaler Wertschöpfungsketten beeinflussen zunehmend die langfristige Entwicklung von Unternehmen und Märkten.
Wandel birgt Chancen
Ein Beispiel dafür sind Seltene Erden. Sie werden für jene Technologien benötigt, die uns helfen, von fossilen Rohstoffen wegzukommen, also von Batterien über Windkraftanlagen bis hin zu Halbleitern. Ihre Förderung erfordert häufig grosse Mengen Wasser und Chemikalien. Zudem entstehen Rückstände und Abraumhalden, die sorgfältig behandelt werden müssen. Gleichzeitig konzentriert sich die Weiterverarbeitung vieler dieser Rohstoffe auf wenige Länder, was zusätzliche geopolitische Abhängigkeiten schafft.
Die Kreislaufwirtschaft kann mehrere dieser Herausforderungen gleichzeitig adressieren. Durch Recycling und eine effizientere Nutzung von Materialien werden Ressourcen geschont und Umweltauswirkungen reduziert. Gleichzeitig sinken geopolitische Abhängigkeiten, werden Lieferketten robuster und die Versorgungssicherheit verbessert. Dieses Beispiel zeigt, dass die Verringerung negativer Auswirkungen und die Stärkung der Widerstandsfähigkeit sich ergänzen können.
Auch bei Gebäuden gewinnt Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung. Für viele Haushalte stellt Wohneigentum den grössten Vermögenswert dar. Entscheidungen rund um Bau, Kauf oder Sanierung wirken über mehrere Jahrzehnte. Energieeffizienz, Betriebskosten, Werterhalt und die Anpassungsfähigkeit an veränderte klimatische Bedingungen rücken deshalb in den Fokus. Die zunehmende Zahl von Hitzetagen verändert bereits heute die Anforderungen an Gebäude. Gute Beschattung, moderne Dämmung oder eine PV-Anlage können dazu beitragen, den Wohnkomfort zu erhöhen und Energiekosten langfristig zu senken. Wer heute baut oder saniert, trifft Entscheidungen, die oftmals für die nächsten 30 bis 50 Jahre wirken. Investitionen gemäss modernen Gebäudestandards können beitragen, Energiebedarf, Emissionen und Betriebskosten zu senken. Damit steigen die langfristige Attraktivität und der Werterhalt einer Immobilie.
Mehrjahresperspektive
Trotz aller Unterschiede zeigen diese Beispiele ein gemeinsames Muster: Entscheidungen werden zunehmend unter Bedingungen getroffen, die von Unsicherheit geprägt sind. Genau deshalb gewinnen langfristige Perspektiven an Bedeutung. Investitionen, Unternehmensfinanzierungen und Immobilien mögen auf den ersten Blick unterschiedliche Themen sein. Tatsächlich verbindet sie eine gemeinsame Frage: Wie können Entscheidungen sowohl enkeltauglich als auch wirtschaftlich tragfähig getroffen werden?
Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung von Nachhaltigkeit. Sie ist kein kurzfristiger Trend und keine isolierte Disziplin. Sie ist ein Ansatz, der langfristige Entwicklungen berücksichtigt und Chancen wie Risiken in Entscheidungen einbezieht, auch unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte.
Wer diese Perspektive einnimmt, denkt nicht nur nachhaltiger, sondern oft auch wirtschaftlich klüger. Denn langfristiger Erfolg entsteht selten durch kurzfristige Optimierung, sondern durch Entscheidungen, die auch morgen noch Bestand haben.