Ausverkauf
Der Aufruhr ist gross. In den letzten Monaten hat sich eine regelrechte Ausverkaufsstimmung im Anleihenmarkt breit gemacht. Das lässt sich an den Renditen für Staatsanleihen mit Laufzeiten von zehn oder mehr Jahren ablesen. Die Rendite zeigt, welcher Gesamtertrag sich mit einer Anleihe zum Kaufzeitpunkt erzielen lässt. Je höher sie steigt, desto tiefer ist der Preis der Anleihe gesunken.
In den USA beispielsweise ist die Rendite von zehnjährigen Staatsanleihen seit Anfang des Jahres um knapp einen Prozentpunkt auf rund 5 Prozent gestiegen. Das heisst, wenn die USA heute am Finanzmarkt für zehn Jahre Geld aufnehmen, müssen sie 5 Prozent bezahlen. In Frankreich dasselbe Bild: Hier stieg die Rendite zehnjähriger Staatspapiere um rund 1.5 Prozentpunkte auf 5.1 Prozent.
Das klingt vielleicht nicht nach viel. Wenn die Staatsrechnung aber schon mit Verlusten abschliesst, und die Schuldzinsen steigen, dann muss anderswo umso mehr gespart werden. Doch was heisst das nun für Anleger und warum haben sich die Marktzinsen derart bewegt?
Für Neuanlagen können die tieferen Preise und umgekehrt, die höheren Renditen, attraktiv sein.
Clifford Padevit Leiter Investment Communication
Erklärungsversuche
Niemand kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, warum der Ausverkauf stattgefunden hat. Tagtäglich treffen Millionen von Anlegerinnen und Anlegern weltweit aus verschiedenen Gründen Portfolio-Entscheidungen. Niemand geht sie alle fragen, warum sie dies oder jenes getan haben. Doch im grossen Ganzen gibt es zwei Erklärungen – eine positive und eine negative.
Erstens verzichten die Anleger auf Staatsanleihen, weil das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr besser ausfällt als erwartet. Seit der Irankrieg tobt, sind zwar die Energiepreise gestiegen. Aber obwohl die Folgen davon alle in einer Volkwirtschaft treffen, hatte dies bisher keinen grösseren Einfluss. Wenn eine Volkswirtschaft rasch wächst, ist es wahrscheinlich, dass der Preisdruck zunimmt. Und somit erhöht die Zentralbank die Zinsen, um eine Überhitzung zu vermeiden. Anleger erwarten also eine höhere Inflation und verlangen mehr Zins. Gleichzeitig sind Aktien in einem Wachstumsumfeld attraktiver als Anleihen.
Zweitens blicken Anleger wieder genauer auf die Schuldenquoten der Staaten. In vielen Ländern, besonders jedoch in den USA und in Frankreich, übersteigen die Ausgaben Jahr für Jahr die Einnahmen. Weil es politisch unpopulär ist, den Gürtel enger zu schnallen oder die Steuern zu erhöhen, nehmen diese Staaten einfach mehr Schulden im Anleihenmarkt auf. Je mehr sie in der Kreide stehen, desto unwohler fühlen sich die Geldgeber, also verlangen sie mehr Zinsen.
Und die Konsequenzen?
Was immer den Ausverkauf ausgelöst hat: Die Zinsen sind, wo sie sind. Da gibt es nichts zu lamentieren. Anleger müssen sich nun fragen, wie sie damit umgehen. Zunächst haben sie die Folgen der tieferen Preise für Staatsanleihen in der Gesamtrendite ihres Portfolios gespürt. Allerdings sind diese Verluste vorerst nur auf dem Papier entstanden. Denn die Staatsanleihen werden ziemlich sicher bei Fälligkeit zurückbezahlt, mitsamt Zinsen.
Für Neuanlagen können die tieferen Preise und umgekehrt, die höheren Renditen, attraktiv sein. Natürlich braucht es Überwindung, genau jene Anleihen zu kaufen, die verloren haben. Es ist das wiederkehrende Dilemma: Was, wenn die Preise noch tiefer sinken? Ja, das kann niemand ausschliessen. Allerdings wirkt der höhere laufende Zinsertrag als Puffer, um mögliche weitere Verluste aufzufangen.
Kurz gesagt: Für jene, die Kredit benötigen, sind es schlechte Zeiten. Kreditgeber wie Anleger, die besser verzinste Anleihen kaufen können, profitieren.
Rechtlicher Hinweis: Die gesetzlich vorgeschriebenen Angaben zu Finanzanalysen finden Sie unter https://www.vpbank.com/de/rechtliche-hinweise.