Anleihen sind gar nicht so langweilig
«Ich zahl dir das Geld nächste Woche zurück. Ehrenwort.» – Wer kennt die Situation nicht: Eine Freundin hat zu wenig Geld in der Tasche und muss sich Geld borgen. Die mündliche Abmachung ist eine finanzielle Verpflichtung und so bindend wie ein schriftlicher Vertrag.
Diese Art von Abmachung ist bei Finanztransaktionen von jeher wichtig, und so lautet sogar das Motto der Londoner Börse «My word is my bond». Auf Englisch sind Anleihen Bonds, das zeigt schon, um was es bei Anleihen geht. Sie sind ein Versprechen, das geliehene Geld zurückzuzahlen und zu verzinsen.
Mehr oder weniger als 100
Heute findet der Handschlag, um das Versprechen zu besiegeln, elektronisch statt, und die Details werden in Anleihenprospekten festgehalten, die bis zu Hunderte Seiten füllen. Was für Anleihen weiter gilt: Der Betrag bleibt über die ganze Laufzeit gleich und meist auch die Verzinsung.
In einer Anfang Mai ausgegebenen Anleihe verspricht zum Beispiel die Versicherung Helvetia Baloise auf den geliehenen Betrag von insgesamt 225 Mio. Fr. für zehn Jahre, also bis zum 12.05.2036, jedes Jahr einen Coupon von 1,5 Prozent zu bezahlen. Die Summe ist in Tranchen von 5000 Fr. gestückelt, das ist also auch das Minimuminvestment.
Anders als bei Aktien wissen Anlegerinnen und Anleger schon zum Zeitpunkt des Anleihenkaufs, welche Rendite sie erzielen. Sofern man die Helvetia-Baloise-Anleihe bis zum Ende der Laufzeit hält, nämlich zehnmal den Zins. Dazu kommt noch die allfällige Differenz zum Rückzahlungsbetrag. Kauft man die Anleihe bei 99 Prozent, gibt es bei einem Anlagebetrag von 10'000 Fr. (zwei Stück à 5000 Fr.) noch 100 Fr. dazu (exklusive Abgaben). Umgekehrt sinkt die Rendite, wenn die Anleihe zu mehr als 100 Prozent gekauft wird. Anleihenkurse werden daher in Prozent notiert, nicht in absoluten Zahlen. Und um den Vergleich für Anlegerinnen und Anleger zu erleichtern, weisen Datenportale oft auch die Rendite der Anleihe bis zur Rückzahlung aus, Rendite auf Verfall genannt.
Anders als bei Aktien wissen Anlegerinnen und Anleger schon zum Zeitpunkt des Anleihenkaufs, welche Rendite sie erzielen.
Clifford Padevit Leiter Investment Communication
Aber weshalb lohnt es sich überhaupt, über 100 Prozent zu bezahlen, also mehr als bei Laufzeitende zurückbezahlt wird? So wie bei Aktien einzelne Nachrichten den Markt bewegen, so verändern sich die Umstände im Zinsmarkt. Und auf diese Veränderungen reagieren die Anleihenkurse. Konkret: Sinkt das Zinsniveau im Frankenmarkt, zum Beispiel ausgehend von einer Zinssenkung der Schweizerischen Nationalbank, dann sind ältere Anleihen mit höheren Zinsen attraktiver. Und weil die Nachfrage nach ihnen steigt, geht auch der Kurs nach oben. Umgekehrt sinkt die Rendite, was das tiefere Zinsniveau ausdrückt. Eine Erhöhung des Zinsniveaus läuft spiegelverkehrt ab. Anleihenkurse schwanken also auch, aber viel weniger als Aktien.
Sicherheit geht vor
Wie bei der Freundin zählt für Anleihen, wie sicher die Rückzahlung erfolgt. Dies ist umso wichtiger bei Anleihen von Unternehmen, die über fünf oder zehn Jahre laufen. Hilfe bieten dabei Ratingagenturen, die aufgrund der Bilanzen der Schuldner für dieses Kreditrisiko eine Note erteilen. Dieses Risiko gibt es auch bei staatlichen Emittenten, die für 10, 30 oder 50 Jahre Geld aufnehmen – allerdings in viel geringerem Ausmass. Staaten gehen seltener bankrott als Unternehmen.
Unter Profis lassen sich die Anleihen- von den Aktienanlegern einfach unterscheiden: Erstere sehen vor allem die Risiken. Letztere sind Optimisten und getrieben, Gewinne zu erzielen. Für das eigene Portfolio ist der Mix entscheidend aus sichereren laufenden Erträgen von Anleihen und den potenziellen Gewinnen von Aktien.
Rechtlicher Hinweis: Die gesetzlich vorgeschriebenen Angaben zu Finanzanalysen finden Sie unter https://www.vpbank.com/de/rechtliche-hinweise.