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Spotanalyse

Marktupdate Italien

Lesedauer: 4 Min
Spät, aber dafür mit umso stärkerer Wucht, hat die italienische Regierungsbildung die Märkte fest in die Mangel genommen. Der globale Stimmungsumschwung hat zuletzt alle Marktsegmente erfasst. Der Spagat zwischen steigenden politischen Risiken und fundamentalem Bild wird grösser.

Einmal mehr zeigt sich, wie schwer sich die Märkte mit Italien tun. Bis Anfang Mai konnten Italiens Börsen trotz des schwierigen Wahlausgangs noch deutlich zulegen, notierten mit bis zu +13% so stark im Plus wie keine andere, westliche Börse. Auch die Kreditaufschläge auf italienische Staatsanleihen fielen zunächst auf ein Mehrjahrestief. Das Koalitionsprogramm der geplanten Regierung setzte diesem Trend ein Ende. Die geplanten, fiskalisch sehr expansiven Ausgaben hätten unweigerlich zu einer Ausweitung der Staatsverschuldung geführt, wofür der Markt konsequenterweise höhere Renditen eingepreist hat. Doch erst durch das Platzen der Regierungsbildung kam massiver Verkaufsdruck auf. Am stärksten leiden italienische Staatsanleihen, wo die Renditen Niveaus erreichten, welche zuletzt im Jahr 2014 verzeichnet wurden.
Dabei sollte die geplante Übergangsregierung mit dem Technokraten Cottarelli die Situation stabilisieren. Die Märkte fokussieren sich bereits auf die Neuwahlen, welche wohl im Herbst stattfinden werden. Als grosser Gewinner der jüngsten politischen Turbulenzen gilt die Lega. Sowohl die Lega als auch die Fünf Sterne Bewegung gelten zwar grundsätzlich als europakritisch, haben aber im zurückliegenden Wahlkampf erklärt, dass sie am Euro festhalten wollen. Auch gerüchteweise kolportierte Pläne, wie ein Schuldenschnitt, eine Lockerung der Fiskalregeln der EU oder ein Euroreferendum fand sich nicht im Koalitionsvertrag. Allerdings sorgte die Nominierung des dezidierten Euro-Gegner Paolo Savona für grosse Zweifel.

Neuwahlen im Fokus
Somit ist eines klar: Der Euro wird wohl das zentrale Thema im anstehenden Wahlkampf sein und von den Parteien eine klare Position fordern. Zwar ist auch in Italien das Lager der Europakritiker gross, doch eine Mehrheit lehnt noch immer einen Austritt aus der Eurozone ab. Unklar ist auch, wie sich die aktuellen Marktverwerfungen auf den Wahlkampf auswirken wird und wer davon profitiert. Somit bleiben die Ungewissheit und damit die Volatilität bis zur Bildung der nächsten Regierung hoch. Unabhängig vom Wahlausgang gilt allerdings, wer wie die Lega und die Fünf Sterne Bewegung mehr Geld ausgeben will, ist auf tiefe Zinsen angewiesen.

Auch wenn Italien bzgl. Reformen als Nachzügler gilt, haben sich seit dem Ausbruch der Schuldenkrise viele Fundamentaldaten verbessert. So erwirtschaftet Italien beispielsweise vor Zinszahlungen sogar einen Überschuss von 1.5% des BIP. Das Fiskaldefizit hat sich auf 2.3% des BIP reduziert. Problematisch bleibt das hohe Schuldenniveau von 131% des BIP, auch wenn sich dieses seit fünf Jahren nicht mehr ausweitet. Diese Verbesserungen sind das Ergebnis von ersten Reformen, deren Nutzen aber (noch) nicht bei den Bürgern angekommen ist.

Aktienmarkt «Was wäre, wenn…»
Die eingeleiteten Reformbemühungen tragen Früchte, auch wenn ein Grossteil der Gesellschaft dies wirtschaftlich noch nicht direkt wahrnehmen kann. Diese Zukunftsoption wird derzeit von der rechtspopulistischen Koalition in Italien ausgehebelt. Unverhohlene Euro-Skepsis sowie der Drang, die Wirtschaft mit neuen Schulden kurzfristig zu befeuern und gleichzeitig mittels tieferen Steuern den Bürgern zu mehr Konsum zu verhelfen lässt den Investoren den Atem gefrieren. Die ausgelösten Ängste kreisen um deutlich höhere Kreditzinsen in Italien und einem möglicherweise forcierten Euro-Austritt.
Um es vorwegzunehmen, ein Euro-Austritt hat auf unmittelbare Zeit eine äusserst geringe Wahrscheinlichkeit. Die negativen wirtschaftlichen Konsequenzen bis hin zu einem Run auf die Banken sind auch den rechtspopulistischen Kräften stark bewusst und somit wird es wohl bei medienwirksamen Parolen bleiben. Ein sich verschlechterndes wirtschaftliches Umfeld durch deutlich höhere Finanzierungskosten jedoch zeichnet sich kurz- und mittelfristig ab. Exakt dies preisen die Investoren nun in die Aktien- und Anleihekurse ein und sorgen seit letzter Woche für deutlich rote Zahlen an den Kapitalmärkten.
Es erscheint wie ein Déjà-Vu aus den Jahren 2011 und 2012. Die Gegenwart erweist sich jedoch als wesentlich robuster als 2-3 Jahre nach der hochkomplexen Zeit der Finanzkrise. Die Wirtschaft aller G20-Länder wächst und auch in Europa zeigt die wirtschaftliche Entwicklung deutlich positive Tendenzen. Die Staatsverschuldung Europas ist weiterhin hoch, jedoch seit Jahren rückläufig und mehrere Strukturreformen erzeugten ein deutlich risikoärmeres Finanzsystem. Dass sich die Europäische Zentralbank für 2019 auf ein Ende der Geldmengenausweitung vorbereitet darf durchaus als ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke betrachtet werden. 
Dass europäische Aktien durchaus Potenzial haben zeigte auch die von März bis Mai stattgefundene Erholung von gut 10 %. Die aktuellen Turbulenzen sorgten nun für einen Rückgang um rund 3 %. Die Kursbewegungen bewegen sich aktuell im Rahmen normaler Preiskorrekturen. Der Euro nahm in dieser Aufwärtsbewegung eine unterstützende Rolle ein. Solange die Unsicherheiten anhalten ist nicht mit einem sich schnell erholenden Euro zu rechnen. Eine Seitwärtsbewegung im Rahmen EUR/USD 1.15 zu 1.17 unterstützt die europäische Wirtschaft weiterhin.

Zusammenfassung
Die aktuellen Turbulenzen an den Märkten erhöhen die Risikoprämien massgeblich für Italien und sorgen für Irritationen an den gesamten Kapitalmärkten. Aufgrund der weiterhin soliden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sehen wir hier die Option, dass die massgeblich emotional getriebenen  Preisbewegungen auch Chancen für künftige Positionierungen öffnen. Die derzeitigen Preiskorrekturen finden vorherrschend in bestehenden Aufwärtstrends statt. Heisst, der mittel- und langfristige Aufwärtstrend der Benchmark für europäische Aktien «MSCI Europa» ist immer noch intakt.
Aktuell sehen wir keinen Handlungsbedarf um unsere konstruktiv positive Sicht der Aktienmärkte für die kommenden drei bis sechs Monate zu ändern. Wir beobachten jedoch die aktuellen Marktbewegungen sehr eng, um sowohl bei sich ausweitenden Risiken aber auch sich öffnenden Opportunitäten zu reagieren.

 

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